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Deutliche Kritik am 4.2.2004 an 'moderner' Architektur in Marburg

 

Am 4.2.2004 reden wir Klartext über Architektur in Marburg. Vorträge und Diskussion .a. mit zwei der bekanntesten Architektur-Kritikern Deutschlands

 

Marburg: Abbruch und Wandel  - Das Buch der IGMARSS erscheint am 9.11.2007 - Details und Bestellen

 

Angus Fowler: DENKMALSCHUTZ UND ERHALTUNG DES MARBURGER STADTBILDES 

 

Angus Fowler: Auszug aus einem Vortrag  Internationales Symposium ICOMOS 2000, Prag 16.-19. Mai 2000

 

Prof. Dr. Lothar Hoischen in der FR über die Marburger Welt-Kulturerbe-Ambitionen

Hier in Kürze ein Bericht über unseren Themenabend vom 4.2.2010

Foto: Udo Becker  Foto Udo Becker

Foto Udo Becker  Fotos: (C) Udo Becker

 

Am 4.2.2004 reden wir Klartext über Architektur in Marburg. Vorträge und Diskussion .a. mit zwei der bekanntesten Architektur-Kritikern Deutschlands

Vorträge und Gespräche über Architektur in Marburg

 Am 4.Februar 2010 wird in Marburg Klartext über ‚Moderne Architektur in einer historischen Stadt’ geredet. Die Initiativgruppe Marburger Stadtbild und Stadtentwicklung e.V. (IG MARSS ) lädt in Zusammenarbeit mit dem Magistrat der Stadt Marburg zu Vorträgen und Gesprächen über Architektur  in Marburg ein.  

Um die Diskussion zunächst von allzu lokalen Sichtweisen zu befreien, hat Initiator und Vorstandsprecher Claus Schreiner vier hervorragende auswärtige Kenner der Materie eingeladen: die Journalistin und Architekturkritikerin Ira Mazzoni (Süddeutsche Zeitung u,a,), den Journalist und Architekturkritiker Dr. Dieter Bartetzko (FAZ), die Dekanin des Fachbereichs Architektur der Uni Kassel Prof. Maya Reiner sowie den Architekt und Fachmann für Denkmalschutz und Baurecht Prof. Karl Reinhard Seehausen.  

Im ersten Teil der Veranstaltung wird Prof. Seehausen einen Vortrag über baurechtliche Aspekte der Frage ‚Lassen sich Bausünden verhindern?’ halten.

 Anschließend stellt Ira Mazzoni die Ergebnisse ihres kritischen Stadtrundgangs vor, und wird Beispiele gelungener und misslungener Architektur der letzten 15 Jahre vorstellen und analysieren.

Die Referenten und Diskussionsteilnehmer werden sich vor der Veranstaltung ausreichend auf eigene Faust in Marburg umschauen. Die IG MARSS wird dabei keine Schwerpunkte setzen, um jede Beeinflussung zu vermeiden.  

Im zweiten Teil des Abends werden alle vier Gäste in einer Podiumsdiskussion, , zusammenkommen, die auf den vorangegangenen Vorträgen aufbaut. Themen werden u.a. Kriterien guter und schlechter moderner Architektur in einem historischen Ambiente sein. Alle vier Gäste haben sich auch intensiv mit dem Denkmalschutz befasst, der in Marburg zwischen Historismus und moderner Architektur sowie im Umfeld von Investoreninteressen eine wichtige Rolle spielt. Es wird auch darüber gesprochen werden, ob für Investoren Wirtschaftlichkeit und Ästhetik Widersprüche sein müssen, und welche Einflüsse Architektur auf die Menschen ausübt.   

Die Moderation der Podiumsdiskussion liegt in den Händen des Journalisten und Soziologen Werner Girgert.

 Die IG MARSS erhofft sich von dieser hochkarätig besetzten Runde auch ansatzweise Richtlinien für modernes Bauen in Marburg. Ziel ist es, dass sich  Politiker, Bürger, Planer, Investoren, Architekten und andere Beteiligte künftig mit geschultem und geschärftem Blick und Verstand in bauliche Planungen einbringen.

 Im weiteren Verlauf des Abends soll die Podiumsdiskussion auch für die  Zuhörer geöffnet werden.

 Die Veranstaltung, für die Oberbürgermeister Egon Vaupel die Schirmherrschaft übernommen hat,  beginnt am 4.2. um 18.30 Uhr im Stadtverordnetensitzungssaal in der Barfüßerstraße.  

Die IG MARSS setzt damit die Veranstaltungsreihe fort, die im Oktober 2008 mit der Ausstellung ‚Die Feeser Akte’ und der Vortrags- und Diskussionsveranstaltung zum Thema Gestaltungsbeiräte am Beispiel des Regensburger Gestaltungsbeirats begonnen wurde.  Bedauerlicherweise blockieren die im Gestaltungsbeirat Marburgs vertretenen Koalitionsparteien zusammen mit der Sprecherin des Beirats seitdem eine offene Diskussion über mögliche Reformen des Beirats nach Vorbild vieler anderer Städte. Stattdessen wurden vom Beirat  weitere umstrittene Befürwortungen wie der (gescheiterten) Bebauung am Grün oder der Erlenring-Wohnblocks ausgesprochen.

Unsere Gäste

 

 

Ira Diana Mazzoni

 

studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Theaterwissenschaften in Mainz und München. Sie arbeitet als freie Journalistin unter anderem für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung , Die Zeit und für das Kunstmagazin Art sowie als Autorin in München.

 

Maya Reiner

 

Studium der Architektur TU München / Diplom und UC Berkeley / Master of Architecture

1978-82 - Praxis in San Francisco und München

1982-1989 - Assistentin an der TU München am Lehrstuhl für Entwerfen und Baukonstruktion

seit 1982 -  eigenes Büro in München - Reiner + Weber Architekten + Stadtplaner:

zahlreiche Gebäude-, Stadt- und Freiraumplanungen, zahlreiche Wettbewerbsgewinne und Preisrichtertätigkeiten

seit 1996 - Professur für Entwerfen und Gebäudelehre am Fachbereich 6 Architektur.Stadtplanung.Landschaftsplanung der Universität Kassel

seit 2007 -Dekanin des FB 6

 

Dieter Bartetzko (bat.)

Dieter Bartetzko

Gleich vielen wahren Frankfurtern nicht am Main, sondern anderswo, nämlich am 10. Februar 1949 in Rodalben/Pfalz geboren. Besuch des Frankfurter Realgymnasiums Musterschule, Abitur, Studium der Kunstgeschichte, Germanistik, Soziologie in Frankfurt am Main, Berlin, Marburg. Promotion bei Hans-Joachim Kunst zum Thema Theatralik der NS-Architektur. 1983 bis 1993 regelmäßige freie Mitarbeit in Kulturredaktionen des Hessischen Rundfunks, bei Architekturfachzeitschriften und der „Frankfurter Rundschau“. Themenschwerpunkte: Architekturkritik, Denkmalpflege und alles, was mit dem vordergründig so leichtgewichtigen Unterhaltungsgeschäft zu tun hat: von Schlager bis Chanson, von Show bis Musical. 1993 bis 1994 Vertretungsprofessur Kunstgeschichte an der Fachhochschule Mainz. Seit Juli 1994 Architekturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2006 Preis für Architekturkritik des Bundes Deutscher Architekten.

(Quelle FAZ net)

 

Karl-Reinhard Seehausen,

Dipl.Ing, Architekt, langjähriger Leitender Baudirektor beim Kreisausschuss des Landkreises Marburg-Biedenkopf und heute u.a. freier Sachverständiger für Bauordnung, Denkmalschutz und Baugenehmigungsverfahren, seit 1997Lehraufträge im Fachbereich Bauingenieurwesen an der Universität Kassel  seit 2003 Honorarprofessor an der Universität Kassel. Mitglied im Deutschen Nationalkommittee Denkmalschutz

Publikationen u.a.: Denkmalschutz in Hessen. Denkmalschutz und Verwaltungspraxis. Rechtliche Grundlagen

 

 

Marburg: Abbruch und Wandel  - Das Buch der IGMARSS erscheint am 9.11.2007 

Cover Abbildung  35 Jahre nach dem Erscheinen der Broschüre Marburg in Abbruch (1972) erscheint mit MARBURG: ABBRUCH UND WANDEL eine Fortsetzung der kritischen Bestandsaufnahme der Stadtbildgestaltung in Marburg von 1975 bis 2007.

 

Hrsg. IG MARSS

MARBURG: Abbruch und Wandel

Städtebauliche Planung in einer historischen Stadt

Jonas Verlag Marburg

192 S., 97 Abb, davon 31 farbig  Format 17x24  ISBN 978389445393-0  

15 Euro  / In allen Buchhandlungen
 

Rund 30 Jahre sind vergangen seit die „Initiativ­gruppe Marburger Stadtbild" die Stadtentwicklung in Marburg in zwei Publikationen einer kritischen Betrachtung unterzog. „Marburg im Abriss" und „Marburg im Wandel" lauteten die Titel der beiden Broschüren, die in den 1970er Jahren das Bewusst-sein vieler Marburger für den Umgang der Politik mit der historischen Bausubstanz und für die Ge­staltung des Stadtbildes schärften.

Die beiden Publikationen haben nicht zuletzt dazu beigetragen, dass die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung sich für jenen behutsamen Weg der Altstadtsanierung entschieden, der schließlich bundesweit Modellcharakter erlangte und Marburg 1984 die Goldmedaille im Bundeswettbewerb „Bauen und Wohnen in alter Umgebung" eintrug.

Seither ist städtebaulich viel geschehen in Marburg. Die Altstadtsanierung in der Oberstadt ist weit­gehend abgeschlossen, am Fuß der Altstadt ent­stand auf dem ehemaligen Biegeneck-Gelände und auf dem Areal des alten Schlachthofs „Marburgs neue Mitte" mit Hotel, Kino, Kunsthalle und Gastro­nomie.

Das sind nur einige Beispiele für die Veränderungen, die Marburgs Stadtbild in den vergangenen Jahren erfahren hat. Zeit also, die Entwicklungen der zurückliegenden 30 Jahre erneut einer Würdigung zu unterziehen und die Tradition der kritischen Begleitung der politischen und planerischen Ent­scheidungen fortzusetzen.

Das soll mit der vorliegenden Buchpublikation geschehen. Auf Anregung der Anfang 2002 neu gegründeten „Initiativgruppe Marburger Stadtbild und Stadtentwicklung" (IG MARSS), die sich in der Tradition ihres Vorgängers als kritischer Begleiter der städtebaulichen Planungen versteht, nehmen Autoren unterschiedlicher Fachrichtungen die Altstadtsanierung ebenso wie die jüngste Stadtplanung, die Baupolitik sowie die Verkehrsentwicklung in Marburg unter die Lupe. 

Bestellen bei der IG MARSS über info@stadtbild-marburg.de


 

DENKMALSCHUTZ UND ERHALTUNG DES MARBURGER STADTBILDES

                                                                                     ANGUS FOWLER

Einer der Ausgangspunkte bei der Gründung der Marburger Geschichtswerkstatt 1984 war die Sorge und auch der Kampf um die Erhaltung verkannter und unbekannter Gebäude mit sozialer und historischer Bedeutung in Marburg : Beispielsweise eine Industrieanlage wie die Bierbrauerei Missomelius (in einer ansonsten an Industriedenkmälern armen Stadt) oder auch das Marburger Gefängnis. Dies sind sicherlich keine Baudenkmäler von hohem architektonischen Rang wie etwa das Marburger Schloß oder die Elisabethkirche, es sind/waren jedoch wichtige Zeugnisse ihrer Zeit. Der in einem Gutachten 1969 vorgeschlagene Abbruch bzw. die Flächensanierung der Altstadt kam glücklicherweise nicht - wie leider in manch anderer Stadt wie z. B. Gudensberg wenige Jahre später 1974- zur Ausführung. Infolge eines Wechsels in der politischen Führungsspitze der Stadt konnten unter dem Oberbürgermeister Drechsler größere Teile der Altstadt ohne Abbrüche saniert werden - wenn auch die Durchführung hinsichtlich der Authentizität von Materialien usw. nicht immer befriedigend ist. So stellt sich aktuell die Frage, wie das Haus Barfüßertor 16 (erbaut um 1845), in dem sich noch mehrere schöne Fenster z. T. mit Originalglas befanden, nach der „Renovierung" aussieht? Erst Pionierarbeiten bei Ausgrabungen und Untersuchungen von Gebäuden (z. B. an der Stelle des abgerissenen Gymnasiums Philippinum( Untergasse) durch E. Altwasser und R. Groß verbunden mit archivarischer Forschung durch A. Fowler, unterstützt durch Hermann Bauer und Dr. Willi Görich, führten zur Gründung des Freien Instituts für Bauforschung und Dokumentation. Insbesondere archäologische Untersuchungen bleiben eher noch sporadisch, denn trotz der Bedeutung Marburgs mit seiner Universität und dem dort angesiedelten Seminar für Vor- und Frühgeschichte und dem Kunsthistorischen Institut sowie dem Landesamt für Denkmalpflege (Außenstelle Marburg) gibt es nach wie vor keinen archäologischen Dienst in dieser Stadt. Bisher wurde nicht einmal ein Gutachten über das archäologische Potential dieser Stadt und seiner Ortsteile erstellt, in dem aus archäologischer Sicht potentielle Gefahrenzonen aus-gewiesen würden. Bei geplanten Eingriffen in den Boden müsste es Pflicht sein, diese anzumelden, umeine archäologische Beobachtung und Begleitung zu gewährleisten.    -

Viele historische Gebäude gingen schon vor 1973 verloren, weitere wurden immer wieder auch danach abgebrochen - ein Trend, der sich bis heute fortsetzt: Vor 1973: u.a. das Wirtshaus an der Lahn, die Obere und Untere Siechen (beide auf der Denkmalliste von 1909!), die Stadtsäle, das Torhäuschen am Ende der Weidenhäuserstraße, die Alte Schäferei am Glaskopf, die Oberförsterei am Renthof, Häuser am Grün/Rudolphsplatz, der „Göpel" (durch Pferde betriebene Mühle) hinter der Herrenmühle, Bopps Terrassen, die Traubenapotheke (Reitgasse), die Häuser Markt 8 und 10, der Englische Hof, die Elisabethschule, das Gymnasium Philippinum, der Rote Hof in Ockershausen usw. usf.

 Seit 1973: Teile der Herrenmühle (zum Bau der Volksbank), das Luisabad, Häuser am Biegeneck (u.a. das Eichamt), ein Haus in der Lingelgasse aus dem 14. Jahrhundert (auf Anordnung des Oberbürgermeisters Drechsler), die Schwanapotheke, zwei größere Häuser in der Wilhelmstraße (zum Ausbau von Ahrens und der Sparkasse), Barfüßerstr. 7, Untergasse 3, Gärtnerei Jakobi (Haus um 1830) am Barfüßertor, Jugendstilhäuser an der Ecke Wilhelmstraße/Friedrichstraße (zum Bau eines Wohnparks), Bierbrauerei Missomelius, entstellende Veränderung der sog. „Villa Siberia" am Schloß, Gastwirtschaft Ruppersberg und das älteste bekannte Schulgebäude Ockershausens (um 1690, Stiften-. 27), der Hessische Hof (Elisabethstraße), Ketzerbach 62 (Ziepprecht), Haus in Zwischenhausen, Teile der Rothermund'schen Lohgerberei.

 Es hat leider keine kontinuierliche kritische Initiative seitens interessierter und aufgeklärter Marburger Bürger gegeben, eine Streitkultur wurde von der Stadtverwaltung auch nicht gefördert oder gar gewünscht sondern eher unterdrückt. Bereits Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts kam es zu Protesten von Marburger Bürgern gegen Abbrüche von Häusern und das Abschlagen von Bäumen, die u.a. zur Gründung des Hessischen Heimatbundes (damals Bund Deutscher Heimatschutz) und 1909 zur Aufstellung einer Denkmalliste führten.

  Anfang der 70er Jahre hat die Initiativgruppe Marburger Stadtbild u.a. mit zwei Heften - „Marburg im  Abbruch" und „Marburg im Wandel" - auf die anhaltenden Abbruche aufmerksam gemacht und vieles  getan, um weitere schlimme Abbrüche zu verhindern. Gegen den geplanten Abbruch der alten Universitätsbibliothek entstand eine Initiative im Südviertel, in den 80er Jahren protestierte die Marburger Geschichtswerkstatt (verbunden mit ihrem Mitglied, dem Förderkreis Alte Kirchen als dem damals aktivsten Denkmalschutzverein in Marburg) gegen den Abbruch der Bierbrauerei Missomelius und für die Erhaltung des ehemaligen Gefängnisses. Um 1990 entlud sich vor allem studentischer Protest gegen die Abbrüche am Biegeneck.

  Ein danach entstandenes Aktionsforum  zur Erhaltung des Marburger Stadtbildes und Stadtentwicklung hat  sich mit den Plänen für die Entwicklung des Gebietes Schlachthof/Luisabad und des Feesergeländes befasst. Der Arbeitskreis brachte in Erfahrung, daß die neuere Entwicklung in Marburg in anderen Orten  durchaus bekannt, berüchtigt und notorisch war (insbesondere war der Abbruch des Luisabades an anderen Orten bekannt), wegen weiterer fehlender Teilnahme jedoch ging dieser bald wieder ein. Die traditionellen Vereine, die sich auch mit Denkmalschutz - wenigstens laut ihrer Satzungen - befassen müssten, nämlich der Marburger Geschichtsverein und der Hessische Heimatbund, blieben in den späteren 80er Jahren und in den 90er Jahren eher stumm, die Geschichtswerkstatt (hingegen) hat sich in dieser Zeit mit ganz anderen Fragen befasst. Der Denkmalbeirat (gegründet infolge des Hessischen Denkmalschutzgesetzes von 1974) kann nur unverbindliche Empfehlungen der Stadt unterbreiten und blieb unter städtischer Kontrolle leider machtlos. Der zuständige Bezirkskonservator vom Landesamt für Denkmal- pflege scheint meist zu kompromissbereit, wenig interessiert und nicht einsatzbereit zu sein.

 Die Stadt Marburg und in den letzten Jahren ganz besonders das Stadtbild hat empfindlich gelitten. Von den offiziellen Behördenvertretern verraten und verkauft, werden künftige Generationen ihnen dafür nicht danken oder verzeihen.

 In Konkurrenz mit Gießen und der Bestrebung „Oberzentrum" und „City" zu sein haben Größenwahn- sinn und Großmannssucht die Vertreter der Stadt angesprochen - vor kurzem Biegeneck, Erlenringcenter, jetzt der Bereich Luisabad/Schlachthof mit Hängebrücke (nah an der ehemaligen Zootomie / Restaurant „Kalimera"!), künftig Feeser-Gelände und Fronhof. Im letzten Moment - sozusagen als Rettung der Ehre Marburgs - haben sich Marburger Bürger wieder zu Wort gemeldet und ein „Aktionsforum Stadtentwicklung" gebildet. Es ist zu wünschen, daß das Blatt der zunehmenden Verschandelung des Marburger Stadtbildes doch noch im letzten Moment gewendet werden kann. Sicherlich ist es aber längst zu spät für einen erfolgreichen Antrag der Stadt Marburg auf Eintragung in die UNESCO Liste des Welterbes, denn hierfür ist die Erhaltung nicht nur von Einzeldenkmälern wie dem Schloß, der Elisabethkirche oder der Altstadt sondern auch des gesamten Stadtbildes und der Umgebung der Stadt unabkömmlich/notwendig.

 Dipl. Arch. Ing. Dr. Techn. Andräs Roman, Privatdozent an der TU Budapest und früherer Leiter der Inspektion beim Ungarischen Denkmalamt / Budapest, erstellte in seiner Funktion als Vizepräsident von ICOMOS (International Council of Monuments and Sites, eine Unterorganisation der UNESCO) und Vorsitzender des Ausschusses für Historische Städte (und langjähriger Gutachter für die UNESCO Welterbe-Liste) im Auftrag des Hessischen Heimatbundes, der Marburger Geschichtswerkstatt, des Förderkreises Alte Kirchen und des Arbeitskreises Dörfliche Kultur ein Gutachten zum Stadtbild Marburgs, das 1991 an die Stadt Marburg gerichtet worden war. Diese bedeutende internationale Einschätzung des Marburger Stadtbildes wurde der Stadt Marburg zugestellt, aber bis heute gänzlich ignoriert, nicht einmal zur Kenntnis genommen und verschwand in den Akten. Deswegen lohnt es sich noch heute daran zu erinnern ... 

 Auszug aus einem Vortrag von Angus Fowler, Internationales

Symposium ICOMOS 2000, Prag 16.-19. Mai 2000

    Marburg, oder besser die Verwaltung der Stadt, war in der Vergangenheit und ist  noch heute mit einem Dilemma konfrontiert. Einerseits ist man stolz auf die  historische Altstadt und deren Restaurierung und auf die großen Denkmäler, wie das  Schloss und die Eiisabethkirche und ist bemüht, mehr Touristen anzulocken. - In der  Tat, sowohl Stadtverwaltung/Magistrat als auch der zuständige Beamte des Landesamtes für  Denkmalpflege hätten es gerne, wenn Marburg als Weltkulturerbe anerkannt würde  (eine Bewerbung für die Elisabethkirche wurde jedoch schon 1982 abgelehnt). -  Andererseits will die Stadtverwaltung besonders der Oberbürgermeister, dass  Marburg in Konkurrenz zu dem benachbarten Gießen verstärkt die Aufgaben eines  „Oberzentrums" übernehmen soll. Allerdings wird die Entwicklung Marburgs durch  die hohen Hügelketten auf beiden Seiten des Lahntals stark eingeschränkt, während  Kassel und Gießen für weitere Ausdehnungen offen sind. Marburg ist praktisch noch  immer ohne Industrie. Die Stadt ist zwar für den Kulturtourismus interessant, sie ist aber wegen ihrer Lage, abseits der wichtigen Verkehrswege, im Vergleich zu  Heidelberg oder Rothenburg ob der Tauber, international fast unbekannt. Die Stadtverwaltung versucht deshalb, die weitere Entwicklung und das Steuereinkommen  über Handel und Dienstleistungen zu forcieren, ohne allerdings einen dazu notwendigen Gesamtentwicklungsplan unter Berücksichtigung alter Aspekte einschließlich der Erhaltung und dem Schutz des Stadtbildes, speziell in der unmittelbaren Umgebung der Altstadt, zu erstellen. Gerade die unmittelbare Umgebung der Altstadt wurde in negativer Weise verändert und ernsthaft geschädigt und das nicht nur durch die Stadtautobahn und die älteren hochaufragenden Gebäude der 60er und 70er Jahre, sondern auch durch neue Bebauungen der letzten 10 Jahre: Supermärkte, Parkhäuser, ein großes Multiplexkino, das noch im Bau ist und ganz allgemein durch eine Architektur von minderer Qualität. Marburg wurde - wenn ich den Ausdruck benutzen darf - betrogen von einer mittelmäßigen Verwaltung, die voller Ehrgeiz grandiose Projekte entwickelt. Die Vertreter der lokalen und staatlichen Denkmal- pflege waren nicht in der Lage - infolge von Schwäche oder Kompromissbereitschaft - die Entwicklungen rechtzeitig aufzuhalten, sie haben erst protestiert, als die Pläne bereits genehmigt waren. Besonders skandalös war die Genehmigung ,die von den Bürokraten der städtischen Baubehörde für die neuen Bauprojekte erteilt wurden. Das städtische Hallenbad aus den 20er Jahren - ein schönes Gebäude und Beispiel für die Zeit der Erbauung, wurde abgerissen (andere Städte, wie Hannover und Stuttgart dagegen haben ihre Hallenbäder gerettet und restauriert).

 Während in den 70er Jahren schlimmere Zerstörungen durch den starken Protest von Bürgern und Fachleuten verhindert wurden, fand ein Protest in den 80er und 90er Jahren entweder nicht statt oder wenn, dann wurde er ignoriert oder sogar unterdrückt (1990/91). Erst im August 1999 als Reaktion auf einen schrecklichen Plan für ein weiteres modernes Projekt, das die Sicht auf die Stadt von Osten versperrt, hat sich eine Bürgeraktion für Stadtentwicklung gebildet - zu spät, um das   Projekt zu verhindern.

 Marburg und seine Verwaltung werden jetzt aus den Fehlem der vergangenen Jahre im Umgang mit dem Stadtbild zu lernen haben. Zieht man die rücksichtslose und unsensible kürzliche Entwicklung rund um die Altstadt in Betracht, dann wäre es völlig unangebracht, für diese den Status eines Weltkulturerbes zu erteilen, wenn man bedenkt, dass dieser Status für Lübeck, Potsdam, Kiew und Ohrid kürzlich, wegen ähnlicher Entwicklungen in diesen Städten in Frage gestellt wurde. Während der ersten wichtigen Phase der Entwicklung auf dem Biegeneck-Gelände von Marburg 1991haben zahlreiche Fachleute Dr. Andreas Roman angesprochen mit der Bitte, sich zu Marburgs Wichtigkeit als historische Stadt und zu den modernen Entwicklungen mit Vorschlägen für Verbesserungen zu äußern, Dr. Roman, zu dieser Zeit europäischer Vizepräsident von ICOMOS und Vorsitzender des Komitees für historische Städte und Dörfer, später auch noch Präsident von ECOVAST, hob besonders die Wichtigkeit der sensiblen Erhaltung der Umgebung der Marburger Altstadt hervor. Seine an die zuständigen Behörden der Stadt gesandten Empfehlungen wurden aber bis auf den heutigen Tag ignoriert!

 (Angus Fowler ist Vorstandsmitglied im Förderkreis Alte Kirchen e.V. marburg, Vorstandsvorsitzender des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Branderburg, Ratsmitglied von Europa Nostra und EGOVAST (European Council for the Village and Small Town) Fowler erhielt 2001 das Bundesverdienstkreuz.

 


 
 
 Prof. Dr. Lothar Hoischen in der FR über die Marburger Welt-Kulturerbe-Ambitionen  18.1.2001

 Bausünden

    Zu dem Artikel Der dritte Versuch, Weltkulturerbe zu werden (FR vom 4. Januar 2001) von Gesa Coordes: Für die Anerkennung einer Stadt als Weltkulturerbe durch die Unesco sind zwei Bedingungen unverzichtbar: Eine solche Stadt sollte nicht nur bedeutende kulturhistorische Werte, sondern auch eine besonders verantwortungsbewusste  Baupolitik  zum Schutz ihres Kulturerbes in der jüngeren Stadtentwicklung nachweisen können.   Die erste Auflage erfüllt das mit kulturellen Gutem reich gesegnete Marburg vielleicht noch. Jedoch können die heilige Elisabeth, Schloss und Altstadt als Marburgs Symbole die katastrophale Baupolitik der letzten Jahrzehnte nicht mehr kaschieren. Von nahezu allen politischen Parteien unterstützt, hat sich Marburgs Stadtentwicklung zumeist nur an den Gewinninteressen von Investoren orientiert.

 Das führte in vielen Fällen zum Abriss wertvollster Bausubstanz und zur schwerwiegenden Schädigung des gesamten historischen Stadtbildes durch öde Großbauten. Trotz heftiger Proteste hat die Stadt Marburg aus ihren Bausünden bis heutenichts gelernt.  Zwar wurde der allerengste  Altstadtbereich  denkmalpflegerisch geschützt. Aber in dem direkt amFuße des Altstadthügels gelegenen Lahnbereich, der das historische Ensemble Marburgs so wesentlich mitprägt, erdrückt eine triste Beton-Gigantomanie schlechtester  Architektur  das  charakteristische Stadtbild.

   Ein überdimensioniertes Multiplexkino sowie  mehrere  Einkaufszentren,  für die gar kein Bedarf besteht, zerstören neuerdings nicht nur das einmalige Stadtpanorama, sondern auch das Gesamtbild einer Flusslandschaft, die früher einen tou rismusfördemden Erlebniswert hatte. Der Lahnbereich und das Stadtbild wurden hier obendrein durch die Stadtautobahn unverantwortlich geschädigt. Als Weltkul turerbe hat eine Stadt übrigens gegen über der Unesco nicht nur eine Berichts-, sondern auch eine Anmeldepflicht, wenn Neubaumaßnahmen geplant sind, die „Auswirkungen auf den Wert des Kulturgutes als Teil des Erbes der Welt haben".

   Daher dürfte sich wohl jeder Anspruch Marburgs erübrigen, Weltkulturerbe zu werden. Der Bundesverband Landschaftsschutz protestiert gegen die Zerstörung historisch gewachsener Stadtlandschaften durch sinnlose Großbauten, wie es in Marburg geschehen ist. Ebenso wie der Schutz der naturgeprägten Landschaften wird der Schutz unserer Stadtlandschaften eine immer wichtigere Aufgabe in der uns umgebenden Lebensumwelt.

                Prof. Dr. Lothar Hoischen  Stellv. Vorsitzender des Bundesverbandes Landschaftsschutz                                 Marburg


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 


 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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