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Die Planungsskizzen
Stellungnahme der IG MARSS vom 28.1.2003

DIE PLANUNGSSKIZZEN

1. Der Präsentationsplan des Amtes für Stadtentwicklung vor Beginn der Bürgerbeteiligung.

Blau/Schraffiert: Nutzungsoffenheit /Vernetzung mit Grün, d.h. auch :Bebauung

Präsentationsplan als Ausgangspunkt

2. Die drei AG's des Bürgerbeteiligungsverfahren

Workshop Stadtstruktur

Empfehlungen: reduzierte Neubebauung und bauliche Umnutzung vorhandener Bauten.

Workshop Freiraum/Ökologie

Empfehlungen: Keine Neubebauung, Denkmalschutz, Naturschutz

Workshop Nutzungsinteressenten

Empfehlungen: Um-und Neunutzung, mit umfangr.Neubebauung

3. Die Planungsvorlage:
Neubauten möglich in großem Umfang (bläuliche Flächen) bis 7 Stockwerke,
Zeichnungen des Mag.der Stadt Marburg, veröffentlicht in Bürgerversammlung und Presse, erstellt v. (c) EGL Kassel
 

 

STELLUNGNAHME DER IG MARSS vom 28.1.2003

INITIATIVGRUPPE MARBURGER STADTBILD UND STADTENTWICKLUNG E.V.

Der Vorstand

An

• den Magistrat der Stadt Marburg

• die Mitglieder der Stadtverordnetenversammlung Marburg

• die Mitglieder des Bau- und Planungsausschusses

• die Mitglieder des Ausschusses für Umwelt, Energie und Verkehr

• die Mitglieder des Naturschutzbeirats

Betr.: Stadträumliches Strukturkonzept zum ZENTRUM FÜR SOZIALE PSYCHIATRIE in

Marburg / Rahmenplan vom 14.11.2002

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wie Ihnen bekannt, will der Landeswohfahrtsverband (LWV) die Hälfte des weitläufigen Parkgeländes des Zentrums für Soziale Psychiatrie (14,6 von derzeit noch 30 Hektar) verkaufen. Seine Errichtung als „Provinzialirrenheilanstalt mit Psychiatrischer Klinik" wurde vor 130 Jahren durch eine Sondersteuer der Marburger Bürger ermöglicht. Diese haben ein erhebliches Interesse daran, daß das zu verkaufende Gelände sinnvoll genutzt wird und die Stadt Marburg ihre Planungshoheit zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger auch künf-tiger Generationen wahrnimmt.

Die IG Marss begrüßt daher die Entscheidung des Bau-und Planungsausschusses vom 15. Januar, die Beratung über den Entwurf des Rahmenplans ZSP-Gelände auf die Sitzung am 19. Februar zu verschieben, aus folgenden Gründen:

• Die IG Marss lehnt den vom Stadtplanungsamt vorgelegten Rahmenplan in dieser Form als zu baulastig ab. Sie plädiert stattdessen dafür, die bereits vorhandene Bebauung, die vom LWV aufgegeben werden soll, weiter zu nutzen, sofern Bedarf vorhanden ist. Vorrang sollen hier soziale Einrichtungen wie Kindergarten, Einrichtungen für praktisch Bildbare, Kirchen u.a. haben. Dabei können u.U. auch nicht unter Denkmalschutz stehende Gebäude durch Neubauten ersetzt werden, sofern diese in Ausdehnung und Höhe den vorigen Bau nicht übertreffen. Bei Umgestaltung der Altbauten muß aber eine Einbindung in die Parklandschaft gewährleistet bleiben und sollten im Hinblick auf Architektur und Wahl der Baumaterialien Vorgaben gemacht werden

Bei Gründung des ZPS in den Jahren 1872–1876 hatte das Gelände eine Fläche von 36,25 Hektar. Von ihr sind heute noch 30 Hektar übrig. Das entspricht einem Verlust in der Größenordnung von 8 1/2 Fußballfeldern. Bei Beschluß des vorliegenden Rahmenplans besteht die Gefahr, daß nach dem Prinzip der 'Salamitaktik' wieder wie zuletzt 1999 eine beträchtliche Fläche in Bauland umgewandelt werden kann. Auch ein anderer in Marburg sehr wichtiger Park, der nach OB Ludwig Schüler noch zu Lebzeiten benannte Schülerpark zwischen Ortenberg und Krummbogen, war ursprünglich 3,1 Hektar groß und wurde im Zuge des Autobahnbaus um 1,74 Hektar, also um rund 45% verkleinert. (Leider ist der weitergehende Plan, den Magistrat und Stadtverordnete OB Schüler 1906 zum 70. Geburtstag feierlich überreichten und zu dessen Verwirklichung sie aus der Stadtkasse 30 000 Goldmark (= 600 000 DM) stifteten, nur ansatzweise realisiert worden: das gesamte Gelände zu beiden Seiten der Lahn von Wehrda bis Ockershausen als „Oberbürgermeister-Schüler-Anlagen" zu einer „fortlaufenden Schmuckanlage in der Ebene auszugestalten" und durch einen Bebauungsplan den „Ausblick auf Wasser und Schloß" zu sichern.)

Die IG Marss wendet sich gegen Zerstörungen von Parkanlagen, die für Familien mit Kleinkindern und die vielen älteren Bürgerinnen und Bürger in Marburg zunehmend wichtiger werden. Das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz bemerkt: „Noch immer sind Grünflächen die schwächste Stelle, wenn es um neue Bebauung geht und Straßenbau. Immer war es eine politische Entscheidung und immer gab es einen triftigen Grund. Der Park zahlt drauf und die Bürger der Stadt für alle Zeiten. Es ist eine unersetzbare Substanz."

Die IG Marss gibt zu bedenken, daß eine Neubebauung im Umfang des vom Stadtplanungsamt vorgelegten Rahmenplans auch eine erhebliche Beeinträchtigung der gesamten Parklandschaft durch umfangreiche Erschließungsarbeiten und gesetzlich vorgeschriebene Infrastruktur (Anschlüsse, Wege, Straßen, Kinderspielplätze, Parkplätze etc) und damit Naturzerstörung durch zusätzliche Versiegelung bedeuten würde. Schon die Gewährleistung der durch die Hess. Bauordnung geforderten Zufahrten für Feuerwehr und Rettung erfordert bei Neubebauung zusätzliche Belastungen der Parklandschaft. Nach dem Text des Baugesetzbuches (§ 1a) „soll mit Grund und Boden sparsam und schonend umgegangen werden, dabei sind Bodenversiegelungen auf das notwendige Mass zu begrenzen."

Die IG Marss unterstützt ferner ausdrücklich die am 9.1.03 von der Lokalen Agenda 21 - Nachhaltige Stadtteilentwicklung - vorgetragenen Argumente, insbesondere im Hinblick auf eine v o r Beschluß des Rah-menplans notwendige Überprüfung der zu erwartenden Bevölkerungszahlen. Es muß dringend geprüft werden, ob die bereits im Planungs- und Ausführungsstadium befindlichen Neubauprojekte in anderen Teilen der Stadt nicht völlig ausreichend sind, um angesichts leerstehender Wohnungen und der - auch von Stadtplaner Kulle zugegebenen - eher rückläufigen Bevölkerungsentwicklung selbst bei sich änderndem Wohnverhalten den Bedarf zu decken. Dabei sind Entwicklungen hin zu preisgünstigerem Wohnen (also weg von kostspieligen Ein-Personen-Haushalten) aufgrund der anhaltenden Wirtschaftslage denkbar.

Die IG Marss plädiert für eine zukunftsorientierte Planung in Marburg, bei der vorhandene wertvolle Ressourcen wie Parklandschaften nicht kurzfristigen wirtschaftlichen Motiven und vielleicht sogar Steuerabschreibungsobjekten geopfert werden. Wer weiß denn, ob nicht irgendwann einmal der Standort des ZSP von seinen Betreibern unter neuen Gesichtspunkten infrage gestellt wird und dann eine ganz neue Situation entstünde, die durch heute zu schnell getroffene Entscheidungen erheblich beeinträchtigt würde?

Die IG Marss äußert ihr Bedauern darüber, daß als Ergebnis der drei „Öffentlichen Informationsveranstaltungen zur Weiterentwicklung des Geländes des Zentrums für Soziale Psychiatrie" (am 16. Januar, 16. Mai und 18. Dezember 2002) und der sie begleitenden Arbeitsgruppen (Workshops) die bereits vor Beginn der Veranstaltungen im Präsentationsplan als „Nutzungsoffenheit" markierten Flächen nördlich und östlich des Kernbereichs, zur neuen Bebauung empfohlen werden, daß also praktisch die Flächen rund um den zentralen Bereich, der auch künftig von der Psychiatrie genutzt wird, als Neubauareal ausgewiesen werden. Zur Durchsetzung dieses offenbar schon von Beginn an bestehenden politischen Willens, die Vermarktung der Flächen von Seiten der Stadt zu unterstützen, anstatt sie in entschiedener Wahrnehmung der Planungshoheit der Stadt energisch zu begrenzen, hätte es einer „Bürgerbeteiligung" nicht bedurft.

Der vom Magistrat der Stadtverordnetenversammlung vorzulegende Rahmenplan sollte so nicht beschlossen werden, ehe nicht die von OB Möller im Oktober zugesagten Daten der künftigen rückläufigen Bevölkerungsentwicklung und die Projektionswerte für die künftige Stadtentwicklung vorgelegt sind, und ein städtisches Gesamtkonzept zur Ausweisung von Neubauland auf der Lahninsel, in der Nordstadt (altes Bahngelände), in der Südstadt (Gärtnerei Pötschke), Michelbach Nord usw. beraten worden ist.

Wir haben die Sorge, daß mit der im Rahmenplan für das Parkgelände des ZSP vorgesehenen Ausweisung neuen Baulands und der zugehörigen Infrastruktur Tor und Tür geöffnet werden für künftige Bebauungspläne, die dann in späteren Jahren unter Berufung auf den „Rahmenplan" beschlossen werden, möglicherweise von neu gewählten Stadtverordneten, die an dem derzeitigen „Rahmenplan" gar nicht beteiligt waren.

Die IG MARSS empfiehlt daher, die vom Amt für Stadtentwicklung und städtebauliche Planung am 14.11. 2002 vorgelegte Beschlußvorlage „Stadträumliches Strukturkonzept zum Zentrum für Soziale Psychiatrie in Marburg / Rahmenplan" entweder ganz abzulehnen oder sie der Stadtverordnetenversammlung am 28. Februar zur Kenntnis zu geben.

Wer weitere Informationen haben möchte, möge sich bitte unter www.stadtbild-marburg.de informieren. Über alternative Nutzungsvorschläge des ZSP Geländes wurde ausführlich in den Arbeitsgruppen „Ökologie und Freiraum" und „Stadtstruktur" im Rahmen der „Bürgerbeteiligung" beraten. Die IG MARSS empfiehlt die in den Protokollen zur Beschlußvorlage des Rahmenplans dokumentierten Vorschläge als Diskussionsbasis.

Marburg, den 28. Januar 2003

Für die Initiativgruppe Marburger Stadtbild und Stadtentwicklung e.V.

Gez.:

(Claus Schreiner) (Prof.Dr. Bernhard vom Brocke) (Dr. Karl Heinrich Rexroth)

- Vorstand - -                       Vorstand - -                  Ehrenvorsitzender -