Marburger (Schreckens-)visionen 

 

Foto: Werner Kramer 

OP-Sommerroman: „Hitzewelle" (Folge 6) Die große Wende im Städtebau:

Marburg wird Weltkulturerbe: Autobahn in Trümmern

Affenfelsen und Phil-Fak Türme verschwunden

 

 

von Werner Kramer

 

Bevor wir den Handlungsfaden weiterspinnen, sei es uns erlaubt, noch einmal den Blick auf Marburgs Baugestalt im Jahr 2025 zu lenken. Denn es ist für unseren Roman durchaus von Wichtigkeit, in welchem Umfeld er sich abspielt, und die Zukunft hält noch mehr bereit als digitale Kinkerlitzchen.

  Es sei uns daher gestattet, die jüngste Vergangenheit Marburgs in Erinnerung zu rufen, denn da sah es finster aus, und die Stadtentwicklung bot nicht den geringsten Anlass zum Optimismus. Wer Marburg im Jahr 2015 kannte, dieses heruntergekommene, verbaute, verdreckte schäbige Universitätskaff, der wird das Marburg von 2025 nicht wieder erkennen.

  Wo ist der Affenfelsen geblieben? Die Phil-Fak-Türme, die Kunsthalle, das Erlenring-, das Feeser-Center , wo sind sie hin? Wo ist die Hochstraße über den Bahnhofsplatz? Demoliert! Die Hauptpost? In Trümmern! Der Kaufmarkt  Wehrda?   Geschleift!

  Die renaturierten Afföllerwiesen prangen in frischem Grün, die Aufforstungen auf den Lahnbergen  und  dem Richtsberg wachsen in dieieHöhe. Der steinalte Gerhard 0.erlebt nicht nur die Aufstellung eines Stadtentwicklungsplans, er sieht auch noch die Verwirklichung, allerdings mit schon recht schwachen Augen.

 Schöne Stadt zu Grunde gerichtet.  Niemand konnte diese Entwicklung vorhersehen, oder auch nur erhoffen. Fünfzehn Jahre hatten genügt, die einst so schöne und liebenswerte Stadt zu Grunde zu richten. Auch der Nachfolger von OB M. setzte noch ein ganzes Jahrzehnt mit Sturheit die Ausblutungspolitik gegen die Oberstadt und Weidenhausen fort. Eine Stadtplanung ohne Vision und Rückgrat sagte beflissen zu jedem Investorenprojekt Ja und Amen.  Architekt Z. zog einen Auf trag nach dem anderen an Land, und die Stadt füllte sich mit scheußlichen Gebäuden. Aber dann setzte ein Umdenken ein, ganz so, wie nach dem Ende der Ära Gaßmann. Als Planungschef . bei seiner Exmittierung wortreich vorbrachte,  er  habe  zwar  an  allen Bausünden mitgewirkt, schuld sei aber der Zeitgeist gewesen, da wurde er nur noch ausgelacht. Wie war es möglich, dass die Marburger - wohlgemerkt, die Marburger - zur Vernunft kamen.  Die Universität übernahm die Vorreiterrolle. Der Standort Lahnberge erwies sich als nicht erweiterungsfähig, da sich die Forstverwaltung  querlegte. Flachdächer, Ausbau und Haustechnik waren nach sechzig Jahren so verrottet, dass eine Sanierung wirtschaftlich nicht vertretbar schien, und es billiger kam, die gesamte Bausubstanz aufzugeben. Die Universität wurde ins Lahntal zurückverlegt, die nicht mehr benötigte Fläche aufgeforstet.  Bei einer Routinekontrolle zeigte sich, dass die Hochstraße über den Bahnhofsplatz akut einsturzgefährdet war. Das Schicksal aller Spannbetonbrücken hatte sie ereilt, sie  musste unverzüglich gesperrt  und abgetragen werden. Die alternative Tunnellösung erwies  sich sogar als kostengünstiger.   Der Richtsberg war schon  seit Jahrzehnten ein Problemgebiet,  die  heruntergewirtschafteten Billigbauten der sechziger Jahre waren nicht mehr zu halten.   Ein städtebauliches Gutachten empfahl die Auflassung, und statt dessen die Verdichtung und Durchmischung der Gewerbegebiete mit Wohnbauten in Blockrandbebauung.  Nun zeigte sich die ganze Absurdität der Solitäre vom Affenfelsen bis zum Feeser-Center. Da sie seit Jahren leer standen, wurde ihre Beseitigung allgemein begrüßt. Vor Jahr- zehnten war ein Antrag der Stadt um Aufnahme in das Weltkulturerbe  hohnlachend abgeschmettert worden. Jetzt hatte ein erneuter Antrag Erfolg.  Wir schütteln heute im Jahr025 den Kopf über die Marburger der Jahrtausendwende.  :Sie besaßen alles was eine liebenswerte Stadt ausmacht,  aber sie ruinierten diesen Besitz mit ihren Zukunftserwartungen.  Wie konnten sie so blind sein und die Taube in der Hand für  (einen Spatz auf dem Dach hergeben?                        

 

    Werner Kramer  war Architekt und Maler.  Er war aktiv im Aktionsforum bis er  nach schwerer Erkrankung nach Bayern umsiedelte wo er 2001 starb.)